Eine kurze Geschichte vom langen Suchen

E-Mail für Dich

Erinnert sich noch jemand an den Film: „E-M@il für Dich“? – Nein? War in den späten 1990iger Jahren ein Erfolg, trotz eher mieser Kritiken. Da knurrte, fiepte und klingelte es jeweils im Lautsprecher, bevor eine Mail geschickt oder empfangen wurde, Meg Ryan und Tom Hanks waren jung und der Plot ein Remake einer Komödie aus 1940. Die Protagonistin schrieb sich mit einem Unbekannten Mails, eine Romanze entwickelt sich, Happy End á la Hollywood.

Will sagen, E-Mails waren der Puls der Moderne, ihr Senden/Empfang ein mit Spannung erwartetes Ereignis. Ähnlich wie im Film hatten auch Gatterich und ich damals per Mail zu verabredeten Zeiten Kontakt, weilte er doch in den USA und ich steckte noch mitten in der Promotion in heimischen Landen. Was haben wir uns nicht alles aus den Fingern getippt. Sehnsucht, Frust, Hoffnung…alles ausgeschrieben, in ganzen Sätzen!

Und heute? Kurzmitteilungen in Geheimsprache. LoL, 4YO, XOX, 2b2c, @y… und dann noch die Emojis… ob die Komödie damit auch ginge? Egal, gibt sicher ein Remake auf Twitter. Zum Glück für mich als älterem Semester schickt dagegen ein bekannter Paketdienst auch heute seine E-Mails in ganzen Sätzen.

Sie bekommen Post

Gatterich hatte Druckerpatronen bestellt. Wir drucken noch klassisch Rechnungen auf Papier aus. Ergo: Kartusche leer. Schnell online neue bestellt, macht Mann heute so. Sollten morgen da sein. Das Paket wurde dem Versand übergeben? Super. Ab jetzt versorgt dich der freundliche Paketdienst mit elektronischen Mitteilungen, kurz E-Mails. Da ist man/frau/alle total auf dem Laufenden. Klare Sätze zu klaren Abläufen. Eine E-Mail nach der anderen erreicht dich zeitnah, der Paketlauf wird in real time, auf altdeutsch „in Echtzeit“ übermittelt. Digitaler Luxus pur. Mindestens so spannend, als wenn Meg auf Toms Antwort wartete. Und so ging es los.

Donnerstag 14.4.: „Ihre Lieferung hat das Versandzentrum verlassen und ist unterwegs“

Hm, denke ich, prima, sollte also bald hier sein, damit schaffe ich es noch bis Karfreitag, ein paar fehlende Etiketten sowie Rechnungen plus Lieferscheine zu drucken.

23:23 „Sendung ist beim Zoll eingegangen, Schkeuditz“.

Ah, Sachsen, na ja, ist um die berühmte Ecke von Brandenburg, so quasi. Sind 180 km per Auto. Morgen kann ich drucken. Aber wieso eigentlich Zoll? Sachsen ist ein bisschen anders als der Rest hier, aber ich war überzeugt, sie sind im gleichen Zollbereich. Oder wurde das Königreich Sachsen ausgerufen und ich hab’s verpasst?

Freitag, 15.4. / 1:01 „Das Paket ist an einem 😊-Standort eingetroffen, Castle Donnington, GB“. Great Britain, England???? Was soll mein Paket denn da? Es war doch schon fast vor der Haustür! Wieso exportieren sie meine Tinte? Well, ich liebe alles mit Tea and Scones, very british, und Schottland…ah, Alba, ganz große Sehnsucht, Outlander und so. Aber doch bitte nicht meine Druckerpatronen.

4:39 „Sendung ist beim Zoll eingegangen, Derby, GB“.

9:24 „Das Paket hat einen 😊-Standort verlassen, Castle Donnington, GB“.

11:41 „Das Paket ist an einem 😊- Standort eingetroffen, Schkeuditz, Schkeuditz, DE“. „Sendung ist beim Zoll eingegangen, Skeuditz

Zoll, Moment mal, wieso… war doch gestern genau schon mal hier. Nun gut, Hoffnung stirbt zuletzt. Wer weiß, was in England heutzutage geschieht. Nun wieder Schkeuditz. Sind nur noch 180 km.

13:42 „Der Transportdienst hat die Dokumente für die individuelle Abfertigung erhalten, Schkeuditz“. Individuelle Abfertigung, was bedeutet das jetzt? Wurde die Tinte offiziell aus England reimportiert?

22:16 „Das Paket hat einen 😊-Standort verlassen, Schkeuditz, Schkeuditz, DE“. Ok, kommt es jetzt morgen?

Samstag, 16. 4. / 1:26 „Das Paket ist an einem 😊-Standort eingetroffen, Schönefeld, Brandenburg, DE“. Ja!!! Schönefeld. Ganz vor der Haustür, keine 20 km. Quer durch von uns grad mal knappe 30 min. per Auto. Das wird heute garantiert was. Hol die Hunde rein, das Paket kommt.

10:44 „Das Paket hat einen 😊- Standort verlassen, Schönefeld, Brandenburg, DE“. Ja! Prima! Bis gleich!

14:08 „Sendung ist beim Verteilzentrum eingegangen, Boernicke“.

NEEEE, oder? Das ist jetzt nicht wahr! Wo ist das denn, es war quasi schon in meiner Hand und nun das.

Boernicke heißt das nächste Verteilzentrum bei Nauen, Paaren im Glien. Und schwupps, hat sich der Abstand zu den Druckerpatronen und meiner Hoffnung deutlich vergrößert. Es ist Samstag, es ist Nachmittag. ☹ (eindeutiges Emoji, egal für welche Zeitepoche).

Montags gabs keine Mail. Nichts. Keine Info, kein Paket.

Dienstag 19.4. / 4:01 „Sendung ist beim Verteilzentrum eingegangen, XX“. Was bitte soll jetzt XX heißen? Welches Verteilzentrum? Schönefeld vielleicht?

8:54 „Sendung wird zugestellt, XX“. Ach wirklich? Soll ich daran glauben?

12:57 „Ihre Sendung wurde abgegeben bei Meiwr“. Och nöööööö…..

Suche das Paket

Meiwr??? Wie bitte? Warum das denn? Wir sind alle zuhause, Gatterich sitzt vorn im Büro. Da entgeht ihm keiner, sagt er, der sich dem Hof auch nur nähert: erst recht kein Paketauto. Wo, oder wer bitte ist jetzt Meiwr? – Ok, nachdenken. So ein Paketzusteller geht nicht weit, der möchte seine Fracht schnellstmöglich loswerden. Logisch wären also die nächsten Nachbarn. Das ergibt vier, maximal fünf unmittelbare Möglichkeiten. Heißt nicht der Lebenspartner von Sabine hier Meier mit Nachnamen? Gleich mal anfragen. Ich up to date und Kurznachricht geschickt. „Hallo, hat „Postautoemoji unser“ Paketemoji“ abgegeben? Wir sind ganzen Tag dagewesen, falls bei euch, tut uns leid. Komme rum und hole es ab? “…

…“Nee, sorry, hier nichts! Komm trotzdem auf „Tasse Kaffee Emoji“, bring „Kuchenemoji“ mit. Hab´ frische Eier* für dich.“ (*hier gabs ein Huhn statt der Eier als Emoji… nur mal so zur Info)

Und damit begann ein wundervoller Nachmittag. Nach Kuchen, Kaffee und gut zwei Stunden später bin ich ein Haus weiter, kurz geklingelt, 10 Eier in der Hand. „Hast du eventuell ein Paket für mich angenommen?“ … „Komm kurz rein, ich frag mal nach, ob ggf. einer von den Jungs was angenommen hat.“

Kurzum, die Jungs hatten nicht. Dafür bekam ich mindestens sechs große Liköre, die mit Whiskey und Sahne, eingeschenkt (ich lieeebe ihn), viel gute Laune und trennte mich im Gegenzug von den frischen Eiern. Ganz klarer Fall von Nachbarschaftshilfe. Wieder gute Stunde später, frau will ja nicht lästig werden, völlig mit freien Händen fürs Paket zog ich weiter. Diesmal die andere Straßenseite. „Huhu, hast du ein Paket für mich angenommen und kann ich mal schnell bei dir aufs Klo?“ …

„Uhm, ja, komm rein, geht es dir gut? Du bist so rot im Gesicht. Ich frag mal nach. Toilette weißt du ja.“

Auch hier kein Paket, dafür ein Pläuschen im Gartenstuhl, der Gesichtsfarbe wegen und ein, zwei Likörchen auf den schönen Tag. Kannste nicht nein sagen. Ist ja selbstgemachter, aus meinen Schlehen. Hatte Nachbar bei mir letzten Herbst gepflückt, der war jetzt probierfertig (der Likör, nicht der Nachbar). Später dann, zum Abschied, noch schnell ein Glas Honig versprochen, bring ich morgen vorbei, kleiner Dank für die Flasche Schlehenlikör. Wirklich ein feines Tröpfchen, richtig süffig.

Der späte Nachmittag näherte sich dem frühen Abend, die Sonne verlor ihre Kraft und langsam wurde mir kalt. Zwei Haustüren weiter gabs auch kein Paket, dafür die Strickjacke von der Frau des Nachbarn. Gemeinsam gingen wir drei dann noch ein Haus weiter, Paket suchen, es wurde Zeit fürs Abendbrot.

Mit leeren Händen aber satt, super gelaunt, richtig warm, gut angetüdelt und mit dem neuesten Klatsch und Tratsch versorgt, trudelte ich schließlich am späteren Abend im Dunkeln zuhause wieder ein. Gatterich hatte mich bereits vermisst, der Hunger trieb ihn aus seinem Büro und dann war da niemand. In froher Hoffnung war er auf den Hof gegangen, hätte ja sein können, ich wäre mit dem Auto gefahren, Pizza holen (haha, Männerträume jenseits der 60!). Und weil er draußen beim Carport war, hatte er das dort abgestellte Paket gleich mit reingebracht, dann aus Frust, denn der Tisch deckt sich auch für Gatterich nicht von allein, den Drucker mit neuer Tinte versorgt.

„Meiwr“ heißt nämlich Carport, aber frag mich mal einer, welche Geheimsprache das jetzt ist.

Fotos: Dr. Birger Hahnemann

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