Provisorien – eine ganz reelle Geschichte

„EINE Geschichte bitte, der Blog braucht eine neue Geschichte“, sagte Nils eben am Telefon. „Hast du nicht schon was verfasst?“

Revolution gestern und heute

„Nein“, sage ich, „die letzten Wochen hab‘ ich nichts geschrieben, war ganz und gar versunken in verschiedene Bücher, websites, Gespräche über die Geschichte(n) der amerikanischen Revolution, George Washington, Benedict Arnold und weitere illustre Gestalten.“

„Weißt du“, rutscht es mir raus, „weißt du, die Analogie der Sprüche, die Rechtfertigungen kriegerischer Handlungen, verdeckte wirtschaftliche Interessen, Gier und dazwischen unerwartete Menschlichkeit… die Analogie ist erschütternd in diesen Tagen. Die Sprüche waren mehr als vergleichbar, allein gut 300 Jahre dazwischen. Und dann die Hamsterkäufe derzeit, Mehl, Öl und mal wieder Klopapier… nicht viel hat sich scheinbar geändert.“ Doch, denke ich da für mich, die Waffen, die sind totaler, schrecklicher.

Das Apfelbäumchen

Wir sind uns einig, wir wollen es mit Luther halten und so manchem vor und nach ihm…“laß uns unser Apfelbäumchen pflanzen.“ Ist ja Frühling, die ersten richtig warmen Tage, einfach herrlich draußen zu sein.

Und während wir am Telefon noch von unseren frisch sonnengeröteten Nasen schwärmen, ich hatte auch die erste Wäsche gestern draußen, kommt von der Haustür her ein lautes „Quackkrummehhm“. Ein unbeschreibbares Geräusch wie ein zerbrechendes Sprungbrett und mir stehen alle Haare hoch. Die Hunde bellen sich heiser, Nils hält sich die Ohren am Hörer zu und ich stürme samt Telefon zur Tür und höre noch ein entferntes „habs dir vor die Tür gelegt“, dann eine Autotür, ein anfahrender Motor, Ruhe. Die Tür geöffnet. „Oh nein!“ ruf ich Nils in die Ohren am Hörer, „er hat es wieder getan!“

Das Provisorium

Natürlich weiß Nils nicht was ich meine, es war bis hierher ja ein eher lautes, wenngleich vages Hörspiel, deshalb wurde aus einem kurzen Anruf nichts, wie immer, musste ihm erstmal die Sache vom Eingang und dem sportlichen Postboten erklären.

Vor der geöffneten Haustür liegen völlig unschuldig ein kleines Päckchen und zwei Briefe direkt auf dem Eingangspodest am Boden, und kein Meter davon entfernt am Ende des Podests liegt unser angebrochener Holzsteg, der Briefträger davongebraust.

Es ist nämlich so, dass ich beim Hausbau die Idee hatte, das Regenwasser vom Dach in einem Graben rund ums Haus zu sammeln und zu einem kleinen Teich im Garten zu führen. Daher war bisher eine Art Holzsteg vor der Haustür über besagten Graben hinweg, ein kurzzeitiges PROVISORIUM, so wurde mir damals versichert. Allein das Wort Provisorium hätte mich renitent werden lassen sollen, auf einer richtigen und zeitnahen Ausführung hätte ich bestehen sollen. Allein, die gebeutelte Hausbaukasse war eher leer, der Handwerker unwillig und besagtes Provisorium hielt gute 10 Jahre. Bis jetzt.

Der neue nette Briefträger

Wer hier ab und an mitliest, der weiß, wir leben auf dem platten Land, vor den Toren der Hauptstadt. Man kennt sich in der Straße, kennt Nachbarn und Ablegeorte, kennt seine Postboten und vice versa. So ist es für beide Seiten prima, alle bekommen ihre Pakete und Post beim ersten Anlauf, der Verteiler weiß, er kann alles sofort abgeben, die Sachen gehen nicht verloren.

Anfang dieses Jahres also kam ein Neuer, ein dynamischer Vertreter seiner Zunft und sehr zuvorkommend. Federnden Schrittes sprang er im Januar auf unseren Holzsteg, wippte leicht nach oben und stand vor der Tür, ein leicht erstauntes Grinsen im Gesicht. So weit, so gut. Dieses federnde Ritual wiederholte sich nun mehrfach wöchentlich und besagter Briefbote nahm, so die allgemeine, einstimmige Vermutung, mehr und mehr Anlauf und federte mit Schwung und wachsendem Spaß an der Sache vor unsere Haustür.

Dieser sprunghaften Belastung gab im März der Steg mit einem traurigen Geräusch schließlich nach und besagter Überbringer von Nachrichten und Paketen wäre beinahe ins Feuchte abgestürzt. „Musste aber schnellstens reparieren“, sagte er zu mir, sprang vom Rest herunter und lief dynamisch zum Auto.

Die Reparatur

Natürlich mußte der Steg schnellstens irgendwie repariert werden, drohten doch weitere Besucher ebenfalls abzustürzen. Kindi und Gatterich diskutierten heftig draußen, es wurde gemessen, überlegt, nochmal gemessen, wieder diskutiert und dann, was konnte es anderes sein, kurzfristig ein PROVISORIUM gebaut. Doch diesmal war ich gewappnet und versprach mir selbst, keine weiteren 10 Jahre zu warten.

Eine neue Brücke, ein schicker Steg muss her. Nach einigen Überlegungen kamen die Nachbarinnen und ich zum Schluss, es muss was Dauerhaftet, was Stabiles sein, da muss eine Fachfirma ran. Gemeinsam sind wir Damen von Haus und Hof dann die verrücktesten Möglichkeiten durchgegangen und fanden schließlich einen Steg aus Granit perfekt. Gedacht, entschieden und getan. Die Steinmetzin vor Ort kam, es wurde wieder gemessen, beraten und verworfen und schließlich entschieden.

Nun wird bis hoffentlich Jahresende ein Steg aus Granit wie eine leicht gewölbte Brücke den Graben überspannen, denn zuvor sind noch Grabsteine zu machen. Schließlich hat der Steg erst 10 Jahre Wartezeit, da sind ein paar Monate länger die berühmten Peanuts. Wir Mädels sind uns einig. Und der neue Steg überdauert die kommenden 100 Jahre. Berechtigte Zweifel hegen wir jedoch, ob der Postbote so lang dynamisch schwungvoll über den Steg kommen wird.

KRAWUMM

Und nun heute dieses. Ich hatte es ihm gesagt, das neue Provisorium vom März, der Hilfssteg ist nicht so federn wie der alte. Und doch hat er wieder Anlauf genommen und das Brett seinen Abschied… Was kommt ist ein neues Provisorium, was sonst. Und vielleicht demnächst ein neuer Briefzusteller? Wer weiß. Ich bin nicht wirklich böse, nur leicht genervt, aber tief drin in der Seele bin ich dem dynamischen Herrn sogar dankbar. Bis Ende des Jahres müssen die Provisorien nur noch halten.

Fotos: Dr. Birger Hahnemann

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