Regional essen – gut und schön. Aber wenn ich Appetit auf eine Mango habe?

Johanna: Ich war doch vergangene Woche auf dem Regional-Markt, auf dem nur Erzeuger, Händler, Manufakturen und Landwirte aus der Umgebung ihre Erzeugnisse verkaufen. Da gab es an einem Stand Bananenlikör. Eine Frau wetterte erbost mit dem Verkäufer, dass Bananen doch keine regionalen Lebensmittel seien.

Annina: Und was hat der gute Mann geantwortet?

Johanna: Er blieb total ruhig, schaute sie lächelnd an und sagte: “Irgendwo auf dieser Welt schon und ich hab‘ den Likör daraus gemacht.“ Das hat die Frau sprachlos werden lassen und überzeugt. Sie probierte, kaufte eine Flasche und zog weiter. „Geht doch“ sagte der Händler und pries seinen Kaffeelikör an. Ich musste auch schmunzeln, aber, ehrlich, so richtig regional ist das ja wirklich nicht. Oder?

Annina: Magst du das nicht lieber einen Philosophen fragen? Für mich hat regional viel mit der Jahreszeit zu tun. Die deckt den Tisch. Brauche ich wirklich Chiasamen im Joghurt, Erdbeeren im Dezember oder Orangen im Hochsommer? Chia kennen inzwischen viele, wer weiß noch, was Amaranth ist oder Buchweizen und Dinkel? Was ist mit Leinsamen? Wer verwendet es noch in seiner Küche? Superfood ist für mich eine Handvoll frischer Beeren aus dem Garten. Leinsamen statt Quinoa, Rote Bete statt Guarana-Samen, frischer Weißkohlsalat mit Möhren im Winter statt Vitamindrops

Johanna: Kann man sich heute eigentlich ausschließlich regional ernähren?

Annina: Mein Gott, du bist aber heute grundsätzlich. Ja, natürlich geht das, ohne große Probleme. Das haben Generationen vor uns gelebt und gekocht – ohne den Gedanken an Verzicht. Wenn ich zu kurzen Wegen, heimischem Geschmack und der aktiven Unterstützung der Produzent*innen vor Ort stehe, dann koche ich mit Zutaten, die hier gedeihen. Das ist einfach und gut.

Es steckt so viel Wissen in traditionellen Gerichten. Leider ist jede Menge altes Küchenwissen verschüttet worden Das kann man aber wieder ausbuddeln und auffrischen, in unser Heute adaptieren – aber das ist schon wieder ein anderes Thema. Jedenfalls ist „einfach (und) lecker gekocht“ ein alter Zopf der gegenwärtig neu gebunden wird, einige Spitzenköche machen es vor, dass man nur mit wenigen Zutaten aus der Umgebung Großartiges auf die Teller bekommt.

Johanna: Was wenn ich Appetit auf eine Mango habe?

Annina: Johanna! Na, dann holst du dir eine und isst sie. Wenn es dir hilft. Mit dem Wissen, etwas Besonderes zu erleben. Essen muss schmecken, ist Lebensfreude, belebt die Sinne. Essen ist die Basis des Seins. Ist wie beim Sex: Wenn’s keinen Spaß macht, dann lass es. Man kann ohne Sex, aber nicht ohne Essen leben.

Johanna: Würdest du Bananenmarmelade herstellen? Da fällt mir ein: Du hast einen Fruchtaufstrich aus Orangen. Hast du jetzt Orangenbäume im Garten?

Annina: Jetzt wirst du aber spitz, meine liebe Johanna. Und ja, ich habe schon Bananenmarmelade hergestellt. In Canada, als Studentin. Dort auf einer Farm in Alberta als Farm- und Haushaltshilfe für einen Sommer – wuchs im Garten nur Rhabarber wirklich gut. Im Laden war alles Obst recht teuer, da es aus British Columbia kam. Die Bananen, die braun wurden, kamen in den Abfall. Ich hab danach gefragt, offiziell. Sie haben den Kopf über mich geschüttelt und mir die Kisten in den Truck gestellt. Aber hauseigener Rhabarber mit Bananen als Marmelade wurde zum Hit. Über 100 Gläser habe ich in diesem Sommer gekocht. Total regional, wenn du mich fragst.

Und nun zu meinen Orangen. Haste heute schlecht gefrühstückt? Du kennst mein wildes Garten-Paradies, das oft genug nur ich schön finde. Orangen wachsen da nicht. Hinter meinem Orangen-Fruchtaufstrich steckt eine schöne Geschichte. Die Früchte dafür gedeihen im Süden Spaniens. Dort habe ich bei einer kleinen Kooperative, die ihr Gründungskapital über Crowdfunding sammelte, einen Orangenbaum gemietet. Für 60 Euro Miete im Jahr bekomme ich 80 Kilo Orangen ins Haus geliefert.

Mit dem, was ich da kaufe, unterstütze ich den Bio-Anbau, den Erhalt alter Obstbäume und sichere 60 Familien, die dort ganzjährig arbeiten, den Lebensunterhalt. Inzwischen betreibt die Kooperative auch Bienenstöcke. Also auch regional und beste Orangenmarmelade und Orangenchutney bei mir am Stand.
Das spanische Miet-Modell, das es bis ins Fernsehen geschafft hat, gibt es in Deutschland inzwischen auch. Ich weiß von Hühnern und Kühen, die man mieten kann. Wenn ich kleine Erzeuger in ihrer Region unterstütze, stärke ich nicht nur die Bauern und Manufakturen, sondern das Kapital arbeitet für die gesamte Region.

So, jetzt habe ich genug mit dir geschwatzt, muss wieder an die Arbeit. Komm mit an meinen Stand, kannst Orangenchutney probieren.

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