Frühlingsgefühle und Gartenarbeit

Gedanken im Marktstand

Mitte Februar kommen bei Gartenfreunden und anderen Pflanzenmenschen schon mal Gedanken zur Gartensaison auf und während ich so in der eiskalten Marktbude stehe, hüpfen meine Gedanken hin und her. Sollte frau schon…, ist es nicht eigentlich zu früh, wenn doch noch Kälte käme…, die letzten Jahre waren auch sehr warm, alles war ok, hmm…

Ein Blick zu so mancher Tasche hier auf dem Markt und die Großwetterlage erhellt sich: In Discountern und Baumärkten verdrängen eifrig vorgezogene Hyazinthen und Narzissen Weihnachtsstern und Amaryllis. Kein Schnee, Temperaturen um 10 Grad und Tage mit Sonnenschein heizen nicht nur das Klima, sondern auch Gärtners Ungeduld an. Gartenjournale und Wurfsendungen zeichnen Bilder kommender romantischer Blütenpracht, verlockende Ideen und Hoffnungen gehen mit dem Portemonnaie Hand in Hand. Wie von Geisterhand sind Töpfe mit bunten Frühlingsblühern aus dem Gewächshaus im Einkaufskorb. Das Angebot an farbenfrohen Handschuhen, Gartenscheren, Spaten und Kniebänken übertrifft alles vom letzten Mal, diesmal bereits im Februar.

Wie war das gleich?

Erinnert mich an Spekulatius im September. Wann, so taucht plötzlich dieser nervende Gedanke in mir auf, wann sind wir nicht nur so ungeduldig geworden sondern auch so angespannt, uns selber nicht nur die Vorfreude zu zerstören, sondern alles schal werden zu lassen? Der 24.12. ist schon lang nicht mehr Höhepunkt weihnachtlicher Vorfreuden, sondern schlicht Erlösung aus dem nicht enden wollenden Rummel vorab… im Garten nun auch? Schneeglöckchen, Krokusse und Narzissen to go. Und danach quasi „gegangen“, denn die wenigsten dieser Hybride schaffen es im Garten. Gezüchtet, um zu sterben… Oder bin ich einfach nur alt geworden und überempfindlich? Oder ist das die Gnade des Alters? Ist das Warten nicht der bessere Teil des Ereignisses? Altersmilde oder Alzheimer?

Stop, ein Schritt zurück – Kinder am Stand

Alle reden von Nachhaltigkeit, Ökologie und Umweltschutz. Von großen Aufgaben, neuen Gesetzen und Verordnungen, vom ökologischen Fußabdruck. Wir fahren Elektromobile, kaufen regional, sind für heimisches Gemüse. Der Baumarkt vermittelt ein gutes Gefühl mit einem Insektenhotel von der Stange, beim Discounter gibt es Wildblütensamen.

Da sprechen mich am Stand Teenies an, so eine Minigruppe mit Leitkuh, vielleicht sind sie um die 14, vielleicht auch älter? Wie aus dem Ei gepellt, will sagen Casting-Show und fordern mich keck und ohne Vorwarnung auf, für ihre Zukunft mein Leben jetzt aber mal korrekt zu führen. Und zwischen Entrüstung und Irritation geht es nicht anders: Ich versuche mich zu beherrschen, ich kämpfe und ringe um eine „gender-korrekte“ Antwort, ich schlucke und schnappe nach Luft. Doch dann platzt es aus mir raus, der ganze Marktstand wackelt, ich kann nicht mehr, ich muss dröhnend lachen.

Irritation hoch zehn

Ihre Irritation steht ihnen ins Gesicht geschrieben, oder anders: Ich kann ihren Gedanken quasi zusehen… die Alte hat ’nen Schuss, nicht die Latten am Zaun… macht die sich über uns lustig… wir sind schließlich die Zukunft…
Die Tränen laufen mir über die kalten Wangen, mit klammen Fingern suche ich ein Taschentuch. Doch bevor ich ihnen wirklich antworten kann, sind sie schon weg. Ungeduld. Keiner nimmt sich mehr die Zeit zuzuhören. Die Herren von der Zeitsparkasse sind unter uns.

Ich hätte da noch Erinnerungen

Was hätte ich ihnen nicht alles sagen können… dass ich sie zutiefst verstehe, aber ihre Unfähigkeit zuzuhören, nicht. Dass ich noch aufwuchs mit Einkaufstasche und Fahrrad beim Kaufmann nebenan? Oder dass wir das erste Fernsehgerät erst Anfang der siebziger Jahre bekamen und ein Kinderprogramm nur gut eine Stunde bis 18.00 Uhr lief? Dass es undenkbar war, vor dem Gerät zu sitzen und zu essen?

Dass ich damals nie Probleme mit dem Gewicht hatte, da es meinen Eltern auch im tiefsten Winter nicht in den Sinn kam, mich mit dem Auto zur Schule zu fahren. Statt dessen hieß es: früher los, Schal über die Nase, Bonbon in den Mund, dann wird nicht gequatscht, Winterstiefel angezogen und los. Und dann sind wir 2 Kilometer gelaufen. Ansonsten überall hin mit dem Fahrrad.
Ich weiß, die Zeit bleibt nicht stehen, ich weiß, es war vieles nicht gut. Nach der Plastiktüte kam „Jute statt Plastik“, RAF war kein Name einer App. Aber eines ist mir gewiss… ein Diskurs, ein Streitgespräch rangelte um Meinung und Gegenargument.

Die eigene Nase

Sie stehen nun am übernächsten Stand, ich kann nur vermuten, was sie sagen. Hören sie dort wohl zu?
Hätte ich nicht gelacht… wer weiß… hab ich aber, ging so aus mir raus. Meine eigene Nase muss auch ich antippen, bin Teil der Generation vor ihren Eltern, hab also meinen Anteil an ihrer Entrüstung. Und frage mich, ob sie irgendwann mit grauen Haaren auf einem Markt stehen werden und darüber nachdenken, das Zeit sich nicht sparen lässt, das sie selber für ihre Zukunft verantwortlich waren, das Zeit vergeht, einfach so. Nur der gelebte Moment ist eine Erinnerung, nur in der Geschichte findet die Zukunft ihren Anker. Sie werden das noch entdecken.

Klare Entscheidung

Jetzt weiß ich wieder, was wichtig für mich ist. Ich werde meinem wilden Garten und seinen Bewohnern ihre Zeit geben, keine Zweige vor April schneiden, wohnen doch viele Insekten in Halmen und toten Ästen, werde neugierig durchs Laub laufen und Schneeglöckchen suchen. Denn wenn sie im Garten aus der Erde schlüpfen und blühen ist die Zeit reif.

Fotos: Pixabay / Dr. Birger Hahnemann

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