Neuzelle: Ein prachtvolles Gesamtkunstwerk

Im ersten Augenblick kommt spontan die Idee, dass die Fahrt bis nach Bayern oder Böhmen ging. Nein, von Potsdam bis Neuzelle am östlichen Rand Brandenburgs sind es rund eineinhalb Fahrstunden per Auto, selbstverständlich ist auch die Bahn möglich (2 Stunden, 1 x umsteigen in Frankfurt/Oder). Na gut, Böhmen war Vorbild für Neuzelle, aber dazu später.
Die Gemeinde im Landkreis Oder-Spree ist ein schmucker Ort, aber natürlich kommen (fast) alle hierher, um die barocke Klosteranlage zu erleben, die in ihrer Architektur, Farbigkeit und Einbettung in die hügelige Landschaft mit weiten Blicken so harmonisch ist, als habe sie ein Künstler erschaffen – ein bezauberndes und berührendes Gesamterlebnis. Mit seinen beiden Barockkirchen, dem stilvollen Klostergarten, dem spätgotischen Kreuzgang sowie seinen Kunstschätzen zählt Neuzelle zu den größten Barock- und Kunstdenkmalen Ost- und Norddeutschlands. Es ist ein komplettes Kontrastprogramm zu der ansonsten vom Backstein und schlichter Sachlichkeit geprägten Architektur Brandenburgs.

Die Geschichte beginnt 1268, als Markgraf Heinrich der Erlauchte aus Meißen das Kloster stiftete. Ab 1300 wurde der Bau auf einem Bergsporn am Rande der Oderniederung erbaut. Die spätgotische Anlage erfuhr ab 1650 eine prachtvolle barocke Umgestaltung nach böhmischem Vorbild. Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) wurde Neuzelle zum katholischen „Musterkloster“ inmitten einer protestantischen Umgebung. Entsprechend imposant ist die barocke Inszenierung theologischer Inhalte mit einer eindrucksvollen Bilder- und Gedankenwelt.
Seit der Auflösung des Klosters zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird die Stiftskirche als katholische Pfarrkirche genutzt. Heute ist St. Marien die Wallfahrtskirche für das Bistum Görlitz. Hier leben auch wieder Zisterzienser-Mönche, denen der Gast auch im Ort begegnen kann. Ihre Chorgebete sind öffentlich und siebenmal täglich zu erleben. Diese Klänge in der Stille gehen bis in Innerste (es sei denn, jemand in der Umgebung hört nicht auf zu reden). Danach den Hof mit dem Buckelpflaster überqueren, um das Museum Himmlisches Theater zu besuchen, das den wertvollsten Klosterschatz zeigt: die europaweit einzigartigen Passionsdarstellungen vom Heiligen Grab. In einem monumentalen, barocken Kulissentheater wird das Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi vor den staunenden Gläubigen inszeniert.

Anmutig, prächtig und einfach nur schön ist der barocke Klostergarten, der – sobald man die Gartenpforte durchschritten hat – einen großartigen Ausblicke auf die Oderlandschaft bietet. Die fünf Hektar große Gartenanlage wurde nach Originalplänen aus dem 18. Jahrhundert wieder in Form gebracht. Barocke Wegachsen, Wasserspiele, symmetrische Wege, Blumen in bunter Vielfalt und schöner alter Baumbestand stärken die Gewissheit, Gast an einem ganz besonderen Ort zu sein.

Wer nach Kirchenbesuch und Gartenspaziergang Hunger bekommt: Die „Wilde Klosterküche“ von Manuel Bunke in der Bahnhofstraße macht den Neuzelle-Tag perfekt. Von seiner authentischen Küche mit den guten Zutaten aus der Umgebung schwärme ich noch heute und freue mich, dass es in diesem Winkel Brandenburgs Menschen gibt, die sie wertschätzen.

Fotos: Marktgeplapper / Johanna

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