Der rote Hirsch

Die Tage werden wieder länger, der Weihnachtsrummel und Silvester sind vorbei, Neujahr wurde Besserung gelobt und heute wird der Weihnachtsbaum entsorgt, dazu ein letztes Glas Glühwein. Und während ich aufräume, Baumnadeln aufsauge und Altglas raustrage, fällt mir an der Sammeltonne die leere Flasche „roter Hirsch“, der Glühwein vom Heiligabend, nochmals in die Hände. Und ich kann nicht anders, ich muss lauthals lachen.
Gatterich hatte – so ein Pech auch – Heiligabend den falschen Hirsch erwischt und wunderte sich sehr über einen seltsamen Geschmack. Ich gebe zu: In der Flasche war ein Ansatz mit Wildhefe/Traubensaft fürs Backen und, na ja, ich hatte die Flasche nicht weiter beschriftet. Gatterich fand diesen „Glühwein“ im Kühlschrank und ihn auch heiß nicht lecker. Als er mir sein Glas zum Probieren gab, mussten ich meine Tat beichten und wir lachten, bis die Tränen liefen.
Unser traditioneller Heiligabend – die Jungs schmücken den Baum – roter-Hirsch-Glühwein! Nur gut, die nächste Flasche schmeckte, denn ohne Hirsch kein geschmückter Baum.

Gatterich und ich waren weit weg gezogen von aller Familie, damals, nach der Hochzeit und wir absolvierten die ersten Jahre pflichtbewusst, da angemahnt, die Deutschlandweihnachtstour. Das hieß: erst zu Eltern 1 an Heiligabend, dazu quer durch die Republik, dann am 25. zu Eltern 2, noch mehr Kilometer, ggf. noch der Abstecher (sind ja nur 300 km) zur Schwester und dann am 27. , spätestens 28., erschöpft von zu viel Essen und Familie zurück ins eigene Nest. Danach Tage wie im Nebel, so bis Neujahr, um wieder wir zu werden. Im folgenden Jahr dieselbe Tour, diesmal Eltern 2 zuerst und so weiter.

Dann bekamen wir Kindi und streikten. Keine Deutschlandweihnachtstouren mehr. Wir gaben die biblische Parole aus: Kommt zum Kind! War sonnenklar für uns, die liebe Familie kommt zu Heiligabend. Was kam am 24. waren Ausreden, es könnte schneien, es könnte glatt werden, es ist so weit… es…
Kurzum, wir saßen am Heiligabend plötzlich allein mit Kindi vorm ungeschmückten Baum. Zwischen Irritation, Schreck und der Erkenntnis, Familie ist, was du draus machst, gönnten wir uns erstmals einen steifen Glühwein, besagten roten Hirsch, schmückten und feierten zu dritt.

Im Jahr darauf die Wiederholung: Ausreden angehört, Baum am 24. aufgestellt, ein Glas roten Hirsch dazu getrunken und mit Kindi gefeiert. Am 26. dann aber Freunde geladen, das große Weihnachtsessen aufgeteilt, A macht die Gans, B Beilagen, C bringt Getränke und D Nachtisch mit. Und gesungen haben wir, gefuttert, gefeiert und gelacht, bis in den frühen Morgen hinein. Nunmehr seit gut 20 Jahren. Unsere ersten Kinder haben nun selber welche, finden ihre eigenen Traditionen. Durch die Jahre hat sich die Weihnachtstruppe vom 26. gegenseitig getragen, gestritten, vertragen, die Kinder miteinander aufgezogen und wir waren wohl, ohne es zu merken, eine Familie im besten Sinne.

Und zum Auftakt ein Gläschen Heißer Hirsch, mal schmeckt er gut, mal seltsam, gute Laune brachte er immer.

Fotos: Dr. Birger Hahnemann

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